Grosses Bergabenteuer am Piz Ela

Lang – abenteuerlich – erlebnisreich – intensiv

Wer keinen länglichen Bericht lesen möchte, der kann diese Stichworte als Hinweise über den Charakter der Tour mitnehmen. Alle anderen können weiterlesen…

Wir starteten nach nicht ganz angenehmerer Nacht (Loch in der Luftmatratze) um 4:20 Uhr von unserem Biwakplatz westlich von P.2454 in die bereits langsam beginnende Dämmerung. Bald darauf passierten wir den Pass digli Orgels 2692m, stiegen zu P.2495 und überschritten anschliessend den Pass d‘Ela (wir hatten die Abzweigung via Cotschen übersehen, wäre evtl. schneller gewesen). Weiter ging‘s am Lai Mort und Lai Grond vorbei, bevor wir nach 2h30min die Furschella da Tschitta 2830m erreichten. Von hier querten wir östlich unter den Türmen hindurch und erreichten über die Schotterrampe den Einstieg (deutlich rechts des Grates).

Nun begann das eigentliche Abenteuer: durch ein teils brüchiges Couloir (man hätte auch weiter rechts über die Platten gehen können) erreichten wir den wandartigen Abschnitt, wo wir das Seil installierten. Wir stiegen ein dunkle Rinne empor, querten unter dem Überhang nach links und stiegen den folgenden Kamin bis zu seinem Ende empor. Eine weitere Wegbeschreibung macht an dieser Stelle wenig Sinn: es gibt keine Begehungspuren (nur zwei, drei Steinmännchen auf den Bändern im oberen Bereich), keine Haken, man hat die völlige Freiheit der Wahl zwischen zahllosen Rinnen, verwinkelten Kaminen, Bändern und Simsen. Der Fels ist teils gut, teils aber ziemlich brüchig und es liegt jede Menge loses Zeugs herum. Nach 3h30min hatten wir P.3179 und damit den eigentlichen Grat erreicht.

Weiter ging‘s über zahllose Türme, die wir meist überkletterten, manche in der Ostseite umgingen . Das Topo im Silbernagel-Topo-Führer ist an dieser Stelle ähnlich hilfreich wie im ersten Teil. Zwar ist die Schlüsselstelle (5a, vier Bohrhaken) eingezeichnet, aber viele andere Highlights sind nicht dokumentiert. Besonders interessant ist die Bezeichnung „leicht“ nach dem letzten Aufschwung: das bedeutet weitere herrlich exponierte Türme und Kletterei bis zum oberen vierten Grat. Nach weiteren 3h hatten wir den Hauptgipfel des Piz Ela 3339m erreicht. Insgesamt waren wir weniger schnell voran gekommen als gedacht, was hauptsächlich an unserem Respekt vor der komplexen Wand mit dem teils zweifelhaftem Fels im ersten Abschnitt und der damit verbundenen vorsichtigen Routenwahl und aufwendigeren Sicherungsmethode lag. Wer sich in diesem Geländer wohler fühlt, der spart hier sicherlich 1h Zeit.

Das Abenteuer war aber noch nicht zu Ende. Es folgte der teils haarsträubende Übergang zum Westgipfel: zunächst auf der Westseite auf einem Band unterhalb des Grats (abwärts geschichtete Platten mit viel losem Zeug), dann nach der Scharte auf der Westseite mit noch mehr losem Zeugs (Steinmännchen). Und dann der eigentliche Abstieg… Ein paar Steinmännchen markieren den Einstieg auf den Westgrat. Nach ein paar Meter abklettern erreichten wir die erste Abseilstelle, die etwas schwer einsehbar nach Süden ausgerichtet an einer Platte zu finden ist. Nun seilten wir viermal nach Süden ab, dann einmal nach Südwesten (gute Bohrhaken-Stände). Nach einer Querung nach links folgte ein kurzes Abseilmanöver an einem Schlingenstand nach Süden in das Couloir, anschliessend seilten wir zweimal an je einem Haken mit Maillon bis auf ein Band am Ausgang des Couloirs ab. Wieder eine kurze Querung nach links zu einem Schlingenstand, an dem wir ein letztes Mal abseilten. Dann folgten wir den zahlreichen Steinmännchen und Wegspuren durch den komplexen unteren Teil der Westwand. Keine Ahnung, wer diesen Weg gefunden hat… es war spannend bis zum Schluss (3h vom Hauptgipfel).

Schon ziemlich erledigt kamen wir bei P.2722 an. Über viel Geröll und nach etwas Schnee in der Rinne südöstlich von P.2722 liefen wir hinunter in die weite Ebene östlich Bot Radond. Die Beine waren nicht mehr wirklich fit, als wir uns die 300 Höhenmeter zum Pass digls Orgels hinauf kämpften und anschliessend wieder zum Materialdepot bei P.2454 abstiegen. Die Sonne neigte sich bereits dem Horizont entgegen, als wir schliesslich mit der schweren Packung auf dem Rücken den Abstieg nach Tinizong angingen. Doch jede Tour hat ein Ende und nach total 17 Stunden erreichten wir den Ausgangspunkt.

19. Juli 2020 – Hochtour ZS+/5a; Aufstieg: 6h30min für den SE-Grat, 3h für den Abstieg über die Normalroute, total mit Zu- und Abstieg 17h. Tour mit Conny.